Ostfriesische Zwerg-Möwen – Eine traditionsreiche Zwerghuhnrasse mit besonderer Zeichnung

Herkunft und historische Entwicklung

 

Die Ursprünge der Ostfriesischen Möwen. liegen an der deutschen Nordseeküste, insbesondere im Gebiet Ostfrieslands. Bereits im 16. Jahrhundert werden in der Literatur Hühner beschrieben, die den heutigen Möwen in ihrer Zeichnung und Erscheinung ähneln. Ihre eigentliche Entwicklung als Rasse erfolgte jedoch später aus bodenständigen Bauernhofhühnern, die im 18. Jahrhundert in Nordwestdeutschland weit verbreitet waren. Welcher Farbenschlag zuerst entstanden ist - gold-schwarzgeflockt oder silber-schwarzgeflockt - kann nicht mehr nachvollzogen werden. Diese Landhühner bildeten die Grundlage einer eigenständigen nordwesteuropäischen Sprenkelhuhnrasse. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus die Ostfriesische Möwe, deren Name sich vom Erscheinungsbild der Küken ableitet. Deren Zeichnung erinnert stark an das Gefieder junger Möwen, wodurch die Rasse schon früh ihren charakteristischen Namen erhielt.

Küken der Ostfriesischen Zwerg-Möwen
Küken der Ostfriesischen Zwerg-Möwen

Die Ostfriesischen Möwen zählen zu den charaktervollen und zugleich anspruchsvollen Rassen innerhalb der deutschen Rassegeflügelzucht. Ihr besonderer Reiz liegt in der Kombination aus einem eleganten Landhuhntyp und einer auffälligen Flockenzeichnung, die dieser Rasse ihr unverwechselbares Erscheinungsbild verleiht. Für Züchter und Preisrichter gleichermaßen stellt

die Ostfriesische Möwe eine interessante Aufgabe dar, denn neben der korrekten Form müssen vor allem Zeichnung, Farbqualität und Kopfpunkte stimmen.

Die Zwergform entstand erst deutlich später. Das Ziel dieser züchterischen Arbeit war es, den typischen Landhuhntyp sowie die charakteristische Zeichnung vollständig zu erhalten. Die Ostfriesische Zwerg-Möwe sollte somit das Erscheinungsbild der Großrasse möglichst exakt widerspiegeln.

 

Die Erzüchter Ludwig Groen sowie Gerhard und Ehme Flemer gingen dabei verschiedene Wege. Ersterer versuchte es mit einem silberhalsigen Deutschen Zwerghahn und Hennen der silberfarbigen Großrasse, wobei er später noch silberfarbige Zwerg Italiener zu Hilfe nahm. Vater und Sohn Flemer verwendeten einen Hahn der Großrasse und wildfarbige, später auch weiße Deutsche Zwerghühner. Nach einem langen dornenreichen Weg erfolgte die Anerkennung der

Silber Schwarzgeflockten im Jahr 1958.

 

Anfang der Sechzigerjahre wurde durch Dr. Hildebrand, Heinrich Onken und wiederum Ehme Flemer die Gold Schwarzgeflockten in der Zucht intensiv betreut, wobei es zehn Jahre dauerte, bis sie endlich 1968 anerkannt wurde. Neben Hähnen der Silbervariante standen auch hauptsächlich

porzellanfarbige Federfüßige Zwerg-Hennen Pate. Zuchtschwerpunkt war es, durch diese Kreuzung die richtige Form wieder hinzubekommen. Später standen auch ihr Zwerg Italiener Pate. Weitere 15 Jahre hat es dann gedauert, bis sich der dritte Farbschlag dazu gesellte. Die Anerkennung der Gold Blaugeflockten wurde 1983 ausgesprochen. Der Züchter Ehme Flemer, der unter Zuhilfenahme von blauen Zwerg-Andalusieren den Farbschlag erzüchtete. Aus dem gleichen Stall folgten dann 1993, die Gelb Weißgeflockten, die sehr leicht mit dem Zwerg-Friesenhühnern zu verwechseln sind. Durch die Kreuzung der Silber- Schwarzgeflockten und wiederum den Zwerg-Andalusieren entstand der Silber Blaugeflockter Farbschlag. Dieser wurde 1995 anerkannt. Dieser Farbschlag stammt von Rudolf Gündel.


 

Im Erscheinungsbild soll die Ostfriesische Zwerg-Möwe ein typisches Landhuhn darstellen.

 

Entscheidend ist ein harmonischer, kräftiger Körperbau mit klarer  Linienführung. Der Körper zeigt eine längliche, leicht abgerundete Rechteckform und wird in waagerechter Haltung getragen.

Der Rücken ist mittellang und breit, während die Brust gut gerundet erscheinen soll. Der Stand ist mittelhoch, ohne hochbeinigen oder gedrungenen Eindruck zu vermitteln. Insgesamt muss das Tier eine ausgewogene Kombination aus Substanz und Eleganz zeigen. Eine zu aufgerichtete Haltung oder ein zu kurzer Körper verändern den typischen Landhuhncharakter deutlich und führen zu entsprechenden Abzügen in der Bewertung. Auch eine zu schmale Brust oder eine unzureichende Rückenlänge beeinträchtigen den rassetypischen Gesamteindruck.

 

Die Kopfpunkte tragen wesentlich zur Ausstrahlung der Ostfriesischen Zwerg-Möwe bei. Der Kopf soll mittelgroß und gut gerundet sein. Besonders charakteristisch ist der fein gezackte Einfachkamm mit waagerecht verlaufender Kammfahne. Das Gesicht zeigt eine kräftige rote Farbe, während die Ohrscheiben reinweiß und glatt anliegend erscheinen sollen. Die Kehllappen sind mittellang, fein im Gewebe und ebenfalls rot gefärbt.

Lebhafte Augen mit rot bis rotbrauner Farbe sowie ein kräftiger, mittellanger Schnabel vervollständigen den typischen Kopf der Rasse.

Der Gesamteindruck des Kopfes soll edel und landhuhntypisch wirken. Grobe Kopfbildung, faltige Ohrscheiben oder eine unregelmäßige Kammzackung stellen deutliche Mängel dar. Ebenso unerwünscht sind Ohrscheiben, die nicht reinweiß erscheinen.

 

In der Zucht der Ostfriesischen Zwerg-Möwen stehen vor allem zwei Farbenschläge im Mittelpunkt:

  • Silber-Schwarzgeflockt
  • Gold-Schwarzgeflockt

Der Silber-Schwarzgeflockte Farbenschlag gilt als klassischer und am weitesten verbreiteter Farbenschlag. Die Grundfarbe ist ein klares Silberweiß, auf dem sich die tiefschwarzen, meist grünlackhaltigen herzförmigen Flocken besonders kontrastreich abheben. Bei der Henne ist eine reichliche, gleichmäßig verteilte Flockung erwünscht. Wobei die Oberbrust und das Nackengefieder zeichnungsfrei sein sollte. Während der Hahn überwiegend eine reine silberweiße Grundfarbe zeigt und nur in bestimmten Gefiederpartien Zeichnung besitzt. Diese sind die verdeckte Halszeichnung (Tropfenzeichnung) und eine charaktervolle Schenkelzeichnung in Form eines Herzen. Das Schwanzgefieder ist schwarz. Ebenfalls zeigen die Hähne in der großen Flügeldeckfeder (Binde) eine schwarze verdeckte Flocke.

 

Flockenzeichnung einer Henne
Flockenzeichnung einer Henne
Brustzeichnung einer Henne
Brustzeichnung einer Henne
Verdeckte Zeichnung in der Flügelbinde
Verdeckte Zeichnung in der Flügelbinde
Herzflockung im Schenkelgefieder eines Hahns
Herzflockung im Schenkelgefieder eines Hahns
Verdeckte Tropfenzeichnung im Halsgefieder eines Hahns
Verdeckte Tropfenzeichnung im Halsgefieder eines Hahns

 

Beim gold-Schwarzgeflockten Farbenschlag bildet ein warmes goldbraun die Grundfarbe. Auch hier wird die charakteristische schwarze herzförmige Flocke verlangt die möglichst tiefschwarz mit Grünlack versehen sein sollte. Eine zeichnungsfreie Oberbrust und Nackengefieder sollte auch ihr vorhanden sein.

Bei den Hähnen bildet die goldbraune Grundfarbe die Basis. Wobei die Zeichnungsanlagen die selben sind wie bei den Zwerg-Silbermöwen. In der Praxis ist die Zeichnung in diesem Farbenschlag jedoch häufig noch weniger intensiv ausgeprägt als beim silbernen Farbenschlag.

 

Das markanteste Merkmal der Ostfriesischen Zwerg Möwen ist zweifellos ihre Flockenzeichnung der Henne. Wenn diese noch reichlich Grünlack besitzt, zeigen diese bei Sonnenschein und einer grünen Wiese erst ihr faszinierendes Farbspiel. Aber auch der Hahn kann durch sein eigenes Erscheinungsbild überzeugen.

 

Typische Fehler betreffen vor allem die Farbqualität. Eine verwaschene Grundfarbe oder ein grauer Schleier im Silber mindern den gewünschten Kontrast erheblich. Ebenso unerwünscht sind graue oder braune Flocken, da die Zeichnung möglichst tiefschwarz erscheinen soll. Auch eine ungleichmäßige Verteilung der Flocken oder eine falsche Größe kann den Gesamteindruck stören. Zu kleine oder unscharfe Flocken wirken untypisch und mindern die Qualität des Zeichnungsbildes.

 

Flockenzeichnung einer Henne
Flockenzeichnung einer Henne
Kopfpunkte einer Henne
Kopfpunkte einer Henne
Verdeckte Zeichnung in der Flügelbinde
Verdeckte Zeichnung in der Flügelbinde
Gleichmäßige Grundfarbe eines Hahns
Gleichmäßige Grundfarbe eines Hahns
Flockenzeichnung im Schenkelgefieder
Flockenzeichnung im Schenkelgefieder

 

Wie schon erwähnt, gibt es neben diesen Hauptfarbschlägen noch die drei seltenere Varianten.

 

Bei den Silber-Blaugeflockten sollte die Grund- und Zeichnungsfarbe, bei beiden Geschlechtern, wie bei den Silber-Schwarzgeflockten sein. Jedoch ist die schwarze Zeichnungsfarbe hier taubenblau.

 

Ähnlich sieht es aus bei dem Farbschlag Gelb-Weißgeflockt. Hier ist die Grundfarbe ein sattes Gelb und die Zeichnungsfarbe ist hier weiß. Wobei das Untergefieder cremefarbig erscheint.

 

Beim Gold-Blaugeflockten Farbschlag sollte die Grundfarbe ein gleichmäßiges Goldbraun sein und die Zeichnungsfarbe ist auch taubenblau.

 

Diese Farbenschläge werden nur vereinzelt gezüchtet, besitzen aber einen besonderen Reiz. Jedoch erfordert es noch viel und intensive züchterische Arbeit.

 

Aktuelle Herausforderungen in der Zucht

 

Trotz guter Bestände zeigen sich in der praktischen Zuchtarbeit eine Reihe von Punkten, die weiterhin Aufmerksamkeit erfordern.

 

Bei den Hähnen fällt häufig eine zu aufgerichtete Körperhaltung auf. Zudem liegen die Schwingen teilweise nicht ausreichend am Körper an. Auch die Brustpartie könnte bei vielen Tieren noch stärker ausgeprägt sein. In einzelnen Linien zeigen sich außerdem Verbesserungsmöglichkeiten bei Kamm, Kehllappen und Ohrscheiben.

 

Bei den Hennen liegen die Herausforderungen vor allem im Bereich der Zeichnung. Teilweise treten zu kleine Flocken auf oder die schwarze Farbe besitzt nicht die gewünschte Intensität. Auch eine ungleichmäßige Grundfarbe oder unerwünschte Bindenzeichnungen können auftreten. Ein weiterer Punkt wäre der Schwanzeinbau, der bei einigen Tieren zu schmal wirkt und dadurch den Gesamteindruck beeinträchtigt. Züchter arbeiten daher gezielt daran, sowohl die Grundfarbe als auch die Zeichnungsqualität weiter zu verbessern.

 

Die Ostfriesische Zwerg Möwe stellt eine traditionsreiche und zugleich anspruchsvolle Zwerghuhnrasse dar. Ihr besonderer Reiz liegt im harmonischen Landhuhntyp und in der kontrastreichen Flockenzeichnung. Für eine erfolgreiche Zucht sind vor allem drei Faktoren entscheidend: ein korrekter Körperbau mit waagerechter Haltung, rassetypische Kopfpunkte sowie eine klare und gleichmäßige Zeichnung bei beiden Geschlechtern.

Mit konsequenter Zuchtarbeit und sorgfältiger Bewertung besitzt diese norddeutsche Traditionsrasse weiterhin beste Voraussetzungen, ihren festen Platz innerhalb der deutschen Rassegeflügelzucht zu behaupten. Aber auch die hohe Legeleistung spricht für sich. Von weit über 130 Eier im Jahr bei einem

Mindestgewicht von 35 Gramm lassen Sie auch hier keine Wünsche offen. Die Hähne werden mit 13 und die Hennen mit 11 beringt. In der Zucht stellen die Ostfriesischen Zwerg Möwen keine hohen Ansprüche. Die Küken wachsen gut, sodass man sich in spätestens 6 Monaten an den Tieren im Prachtgefieder erfreuen kann.

 

Die Ostfriesischen Zwerg Möwen werden vom „Sonderverein der Ostfriesischen Möwen und Ostfriesischen Zwerg Möwen“ betreut. Der Zuchtwart Karl Fleischer Dinklage steht mit Rat und Tat zur Verfügung.

 

Text / Bilder: Michael Beckmeyer (Zuchtwarte des RGZV Loccum)